Die hölzerne Riesin von Jeetze

…Noch im selben Augenblick, als Oma Hanne die heißen

Kartoffelpuffer vom Herd holen wollte, geschah es.

Unverhofft blieb sie stehen und hielt lauschend inne.

„Pssst…! Habt ihr das auch gehört?“, fragte sie mit erho-

benen Zeigefinger.

Opa Karl schüttelte verneinend seinen Kopf.

„Nein, ich habe nichts gehört. Was sollten wir gehört ha-

ben?“, antwortete er gelassen und kraulte das rot getigerte

 Fell seiner treuen Katze Polly, welche schnurrend in sei-

nen Armen lag.

Wenn man in einer so alten Bockwindmühle, wie der zu

Jeetze wohnte, kam es eben schon einmal vor, dass es hin

und wieder in einer Ecke knackte und knirschte.

„Ich habe leider auch nichts gehört“, fügte Bendix jetzt

kleinlaut hinzu.

Doch Oma ließ sich nicht davon abbringen. Sie wusste

Doch, was sie gehört hatte.

Und da! Tatsache vernahm sie das seltsam knirschende

 Geräusch bereits ein zweites Mal.

Diesmal hörte sie es ganz deutlich.

Schnarr…, Schnarr…

„Was ist das nur für ein merkwürdiges Schnarren?“, brab-

belte sie unruhig vor sich her.

Verdutzt sah sie sich um, in der Hoffnung das dumpfe

 Geräusch so schnell wie möglich ausfindig zu machen.

„Verflixt und zugenäht!“, zischte Oma Hanne und starr-

te gebannt auf den dicken hölzernen Deckenbalken der Mühle.

 

 

Und da erblickte Oma das bisweilen Unfassbare, sodass

sie vor Entsetzen nicht anders konnte, als laut zu schrei-

en. Omas Stimme, die einen deutlich zu hohen Klang be-

saß, verschreckte auch die feinhörige Polly, welche dar-

aufhin fauchend mit einem riesigen Satz von Opa Karls Arm sprang,

um sich in eine schützende Ecke hinter dem Kachelofen zu verkriechen.

„Was um Himmelswillen ist denn nur los mit dir?“, wollte

Opa vor lauter Aufregung wissen.

„Man könnte ja meinen du hättest einen Geist geseh-

en!?“

„Einen Geist?“, wiederholte Oma Hanne empört.

Nein, einen Geist hatte die alte Dame nun wahrhaftig

nicht gesehen. Was Oma Hanne gesehen hatte war näm-

lich viel, viel schlimmer, wenngleich auch genauso weiß

wie ein Geist.

Bendix, der das Geschehen bisher stumm mit weit geöff-

netem Mund verfolgt hatte, lief ein kalter Schauer über

 den Rücken, der ihn für einen Augenblick erzittern ließ.

Währenddessen versuchte Oma wenigstens annähernd,

wenn auch stotternd, zu erklären, was sie sah.

 

„Ho…, Ho…, Holzwürmer!“, stammelte sie, indem sie

ihren Zeigefinger in Richtung Deckenbalken streckte.

„Holzwürmer???“, rief Opa in heller Aufregung und eilte,

 so schnell er konnte, die wenigen Schritte herbei.

„Jawohl! Holzwürmer!“, antwortete Oma trotzig.

Durch die Aufregung war Bendix sogar der Appetit auf

sein Leibgericht vergangen.

Doch wen kümmerte schon der Appetit in einer Situation

 wie dieser?

Für die Mesedorns war jetzt nichts wichtiger, als die na-

genden Holzwürmer irgendwie loszuwerden. Während

in der Pfanne die gestapelten Kartoffelpuffer zum Ver-

zehr bereit lagen, schauten Opa, Oma und der Enkelsohn entsetzt zur Decke hinauf…