Attitüde der Sehnsucht

Es ist noch früh am Tag, als ich von Traum und Wirklichkeit geschüttelt die Augenlider öffne, regungslos in meinem Bett liege, nahezu unfähig mich gegen das Rauschen in meinen Ohren zu wehren.

Sanft wie Öl dringt das vertraute Geräusch jetzt selbstbestimmend in meine ausgeschlafenen Gehörgänge, völlig schmerzfrei, so seicht wie der Regen selbst.

Dennoch für mich klingt der Regen, wie ein Glockengeläut der Trauer. Die auf Halbmast vor dem Fenster hängende Jalousie passt irgendwie zu diesem Gefühl, finde ich. Egal.

ich raffe mich mühsam auf, zerre die Bettdecke beiseite, schaue noch im Pyjama gekleidet aus dem Fenster.

Als mein rechter Zeh, den kühlen Boden berührt, habe ich bereits Gewissheit. Die Vergangenheit ist Vergänglichkeit, noch bevor der Tag beginnt.

Die Landschaft, eine einheitlich graue Suppe, lässt ihre farbenfrohen Zutaten nur noch erahnen. Nahezu täglich verliert sie an Wärme, Liebreiz und Intensität, sodass es mir langsam aber sicher den Appetit verdirbt.

Obwohl fast Tag, ist es dunkel, so wie das dumpfe und schleichende Gefühl in meiner Magengegend.

Einzig und allein die grell blitzenden Lichter der vorbei fahrenden Autos, erhellen die zähe, graue Materie der Außenwelt, erinnern mich an die funkelnden Sterne der lauwarmen Nächte.

Doch Sterne laufen Gefahr vom Himmel zu fallen, ebenso wie Gefühl und Hoffnung sind sie vergänglich und keineswegs für die Ewigkeit bestimmt.

Mir fröstelt es.

Geschützt auf der sicheren Seite des Hauses sitzend, schaue ich hinauf zum weinenden Himmel. Ein wahres Tränenmeer schüttet aus ihm heraus und ergießt sich nahezu sinnflutartig auf den lechzenden Asphalt.

Binnen von Minuten bilden sich künstliche Seenlandschaften, stauen sich erst quälend in den Rinnsteinen und dann vor den viel zu kleinen Gullys der Stadt.

Wind zieht auf, kalt und rücksichtslos zerrt er an den dünnen Baumkronen. Doch der Himmlische lässt nichts unverschont, treibt die vom Regen Überraschten, durch ihre von urbanen Gedanken gezeugten Betonwelten.

Selbst der Wind hat an Leichtigkeit verloren, das macht ihn irdisch, gar ein wenig menschlich. So wie die mit jedem Tag kälter werdenden Herzen, die Herzen der Menschen, deren eisige emotionale Böe mich jetzt sogar hinter der schützenden Glasscheibe erfasst.

Und plötzlich habe ich Sehnsucht, Sehnsucht nach Liebe.